Monitoring für den Feldhamster.

Die Suche nach dem Feldhamster in Sachsen


Artspezialisten auf dem Stoppelfeld

Die Kartierung von Hamsterbauen auf frisch abgeernteten Schlägen liefert die entscheidenden Informationen zu Vorkommen des Feldhamsters und zur Baudichte. So werden dringend benötigte Basisdaten zur Abgrenzung von Gebieten gewonnen, auf denen schnellstmöglich gezielte Schutzmaßnahmen beziehungsweise die Förderung einer „hamsterfreundlichen“ Bewirtschaftung  umgesetzt werden müssen. Das Monitoring dient außerdem der Erfolgskontrolle der Maßnahmen. Das Zeitfenster, das den Kartierern bleibt, ist sehr kurz, denn es ist normale und kostengünstigste landwirtschaftliche Praxis, dass die Stoppeln sofort nach der Ernte umgebrochen werden. Im Feldhamstergebiet bei Leipzig praktizieren zahlreiche Landwirte als Maßnahme für den  Feldhamsterschutz den verspäteten Stoppelumbruch, das heißt, sie belassen die Stoppeln noch 10 Tage. Jeder einzelne gewonnene Tag zählt für den Hamster beim Eintrag seiner Wintervorräte. In dieser Zeit müssen auch die Kartierer eilen, in Abstimmung mit den Landwirten begehen sie diese Flächen stichprobenweise. Im Abstand von einigen wenigen Metern, damit kein Bau übersehen wird, laufen sie die Felder auf und ab. Ist ein Bau gefunden, wird er vermessen und genau kartiert.


Kartierung von Hamsterbauen seit 2002

Gerhard Fröhlich vom NABU-Naturschutzinstitut Leipzig 2007 auf einer zu kartierenden Fläche. | Foto: Dieter Weber
Gerhard Fröhlich vom NABU-Naturschutzinstitut Leipzig 2007 auf einer zu kartierenden Fläche. | Foto: Dieter Weber

Bei der Untersuchung im Jahr 2002 ging es darum, das vom Feldhamster aktuell noch besiedelte Areal im Delitzscher Raum abzugrenzen und eine Vorstellung vom Gesamtbestand zu erhalten. Letztmals wurde eine Baudichte von mehr als zwei Bauen pro Hektar auf konventionell bewirtschafteten Flächen festgestellt.  Vor dem offiziellen Start der Kooperation für den Feldhamster wurden im Juli und August 2007 die Kartierarbeiten zunächst von Mitarbeitern des NABU-Naturschutzinstituts Leipzig unter Anleitung von Ubbo Mammen (Ökotop – Büro für angewandte Landschaftsökologie Halle/Saale) begonnen. Frisch abgeerntete Raps- und Getreideschläge wurden transektweise begangen und mit dieser Erfassungsmethodik insgesamt mehrere hundert Hektar Feldfläche nach Hamsterbauen abgesucht. Diese Art der Untersuchung ist für Langzeitstudien gut geeignet, da sie sich einfach wiederholen lässt. Gleichzeitig erfolgte auf anderen ausgewählten Flächen eine Baudichteuntersuchung durch den Artspezialisten des Landesamts für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie für den Direktionsbezirk Leipzig, Jörg Fischer, und dessen ehrenamtliche Mitstreiter.

Erheblicher Rückgang nach 2002

Sowohl hinsichtlich der besiedelten Fläche als auch der Besiedlungsdichte war 2007 im Vergleich zu 2002 ein erheblicher Rückgang zu verzeichnen. Selbst im Kerngebiet des sächsischen Hamstervorkommens war der Anteil besiedelter Flächen beträchtlich gesunken. Die Baudichten lagen bis auf wenige Ausnahmen weit unter einem Hamsterbau pro Hektar. Das hieß: In den vorangegangenen 20 Jahren hatte sich die Zahl der Feldhamster im sächsischen Hauptvorkommensgebiet von ehemals mehreren tausend auf nur noch einige hundert Exemplare verringert.

Ab 2008 wurden die Kartierungsarbeiten jährlich vom Kartiererteam des NABU-Naturschutzinstituts Leipzig unter Anleitung von Ubbo Mammen fortgesetzt.  Auf einer hamstergerecht bewirtschafteten Umsiedlungs- und Ausgleichsfläche bei Grebehna wurde im Jahr 2009 eine relativ stabile Population festgestellt, obwohl auch hier ein Rückgang der Besiedlungsdichte gegenüber 2008 zu verzeichnen war. Diese 15 Hektar große Ausgleichsfläche hat bis zum heutigen Tag große Bedeutung als Rückzugshabitat und Ausbreitungsquelle. Seit 2002 findet auf ihr eine feldhamsterfreundliche Bewirtschaftung statt und sie wird jedes Jahr kartiert.

2015, im 7. Jahr seit Beginn der jährlichen Kartierungen, hatte sich die Situation für den Feldhamster nicht verbessert. Abgesehen von kleinen kurzfristigen Steigerungen seiner Population hielten die dramatischen Bestandseinbrüche an. Schätzungen von NSI und Ökotop gingen nach aktuellen Kartierungen nur noch von 300 bis 800 Feldhamstern aus. Auch bei einer Frühjahrskontrolle Ende April 2015 auf Maßnahmenflächen mit Luzerne und Klee konnten zwar Baue gefunden werden, sie schienen jedoch nicht bewohnt zu sein. 2018 wurden 405 Hektar Transekte auf 104 Ackerschlägen mit einer Gesamtfläche von 1.710 Hektar untersucht. Außerdem erprobten die Kartierer die Suche mittels Drone. Der Droneneinsatz ist jedoch um vieles aufwendiger als die direkte Kartierung durch den Menschen. Deshalb scheint eine großflächige Anwendung nicht praktikabel. 2019 kontrollierten die Kartierer nach der Ernte 422 Hektar. Sie fanden auf diesen Flächen nur noch zwei Hamsterbaue. Im gleichen Jahr wurde, leider erfolglos, auf Blühflächen mit „Hamsterspezifischen Ansaatmischungen“ nach Hamsterbauen gesucht. Die Nachkartierung auf Randstrukturen unter Strommasten ergab ebenfalls keine Baunachweise. Als eine der wahrscheinlichsten Ursachen für die schlechte Nachweislage 2019 vermuten die Feldhamster-Experten den Mangel an wasserhaltiger Nahrung und mangelnde Taubildung bereits im vorangegangenen Extremsommer 2018. Ansaatmischungen mit Wildkräutern standen der Kooperation in den Jahren vor 2018 in weitaus geringerem Umfang (maximal 11 Hektar) zur Verfügung. Sie dienen den Feldhamstern erst seit 2019 in "nennenswertem" Umfang als Nahrungsergänzung und bieten neben dringend nötiger Feuchtigkeit auch gute Deckung.

Hunde im Einsatz
Neuerdings kommen in anderen Ländern bei der Kartierung der Feldhamsterbaue speziell ausgebildete Hunde zum Einsatz. Ein Vorteil ist, dass sie auch in nicht geernteten Feldern Baue aufspüren können. Hunde sind jedoch nur etwa eine Stunde einsatzfähig. 2020 wurde erstmals auch in Sachsen die Suche mit Hamsterspürhunden unterstützt, jedoch ohne Erfolg.

Einschätzung der aktuellen Situation

Feldhamster in guter Deckung. | Foto: Kerstin Mammen
Feldhamster in guter Deckung. | Foto: Kerstin Mammen

Zusammenfassend In den ersten zwei Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts ist die Population des Feldhamsters in seinem letzten sächsischen Rückzugsgebiet trotz verschiedenster  Schutzbemühungen auf ein winziges Vorkommen geschrumpft. Die Kooperationspartner bewerten die derzeitige Bestandssituation des Feldhamsters im Freistaat Sachsen daher unverändert als sehr kritisch, auch wenn die bisher durchgeführten Erhebungen kein vollständiges Bild über die tatsächliche Populationsstärke liefern können.

Gegenüber der letzten großflächigen Kartierung in den Jahren 2002 und 2003 hat sich das aktuell vom Feldhamster besiedelte Gebiet weiter deutlich verkleinert. Deshalb ist die schnelle und wirksame Umsetzung gezielter Artenhilfsmaßnahmen dringender denn je geboten, um dem Feldhamster ein Überleben im Freistaat Sachsen zu ermöglichen.