Verspäteter Stoppelumbruch.

Maßnahmen von Anfang an – ein Überblick


Der Beginn 2008 – Beratung durch den Landschaftspflegeverband, Finanzierung durch Spenden

Unmittelbar nach Abschluss der Kooperationsvereinbarung 2008 stellte der Landschaftspflegeverband Nordwestsachsen e. V. (LPV) die Verbindung zu den betroffenen Landwirten vor Ort her und machte sie mit dem Anliegen vertraut – ein schwieriges Unterfangen, denn die Wirtschaftlichkeit der Betriebe spielte eine nicht unerhebliche Rolle. Der Feldhamster war allen noch als ungeliebter Feldschädling bekannt. Was wäre, wenn er sich durch Schutzmaßnahmen wieder in Massen vermehren würde?

Hamster im Feld. | Foto: Ubbo Mammen
Hamster im Feld. | Foto: Ubbo Mammen

Unter diesen Voraussetzungen warb der LPV für eine hamstergerechte Bewirtschaftung und prüfte  konkrete Möglichkeiten für die einzelnen Landwirte, sich mit unterstützenden Maßnahmen  einzubringen. Dazu wurden den Landwirten in Einzelgesprächen die besorgniserregenden Ergebnisse der aktuellen Hamsterkartierungen vorgestellt, aber auch die Möglichkeit der Vergütung ihrer Leistungen für den Hamsterschutz. Heike Weidt vom LPV erläuterte ihnen außerdem die Notwendigkeit der Begehung ihrer Ackerflächen bei der Suche nach Hamstern und die zeitnah erforderliche Abstimmung von Ernte und Kartierung. Nach und nach konnten immer mehr landwirtschaftliche Betriebe dafür gewonnen werden, an der Hamsterkooperation teilzunehmen.

Unterstützt vom Sächsischen Landesbauernverband in Delitzsch und dem Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG), vermittelt und dokumentiert der LPV seit 2008 entgeltliche und unentgeltliche Maßnahmen zum Schutz des Feldhamsters auf der Grundlage der Kooperationsvereinbarung an Bewirtschafter vor Ort. Diese Vorgehensweise hat sich bewährt.

Neben der Beratung erhalten die Landwirte auch bei der Antragstellung bzw. Maßnahmen- und Vertragsgestaltung Unterstützung durch den LPV. Die Beratungstätigkeit gestaltet sich sehr umfangreich. 2019 nahm der LPV beispielsweise Kontakt zu 22 Betrieben auf, mit 13 Betrieben konnten schließlich Schutzmaßnahmen, darunter der Anbau von Luzerne und die Anlage von Blühstreifen, vereinbart werden. Jeweils vier bis fünf Gespräche sind notwendig, um die verschiedenen Maßnahmen und Fördermöglichkeiten darzustellen und vorzubereiten.

Die freiwilligen landwirtschaftlichen Maßnahmen werden durch den Vertragspartner Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt (LaNU) – Naturschutzfonds unterstützt. Auch flankierende Maßnahmen außerhalb der konventionellen Nutzung wie Blühstreifen können finanziert werden.

Über die Durchführung der Maßnahmen schließen LaNU – Naturschutzfonds und der jeweilige Flächenbewirtschafter einen „Vertrag im Rahmen des kooperativen Feldhamsterschutzes im Freistaat Sachsen“ ab. Hierin werden die Flächen und Leistungen des Landwirts exakt festgelegt, ebenso wie Leistungszeiträume, Vergütung und Abrechnungsmodalitäten.

2017 kamen zu den Maßnahmen, die bis dahin zwischen dem Fondsverwalter, der LaNU, und den Landwirten vereinbart wurden, Dienstleistungsvereinbarungen zwischen Unterer Naturschutzbehörde und Landwirten hinzu. Deren Basis beruht auf den Erfahrungen der ersten Projektjahre.

Die Schutzmaßnahmen werden aus Mitteln Dritter finanziert, das heißt aus Spenden und Zuwendungen von Firmen und Privatpersonen.

Zeitleiste mit Übersicht der Maßnahmen seit 2008

  • 2008, im ersten Jahr der Kooperation zum Schutz des Feldhamsters, beteiligten sich zwei Landwirtschaftsbetriebe und setzten auf 1,5 Hektar hamsterfreundliche Maßnahmen um. 
  • 2009 bewirtschafteten bereits fünf Landwirte 191 Hektar hamsterfreundlich. 
  • 2010 verdoppelte sich die Größe der Flächen, auf denen sechs Landwirtschaftsbetriebe Maßnahmen umsetzten. Auf 412 Hektar  wurden Verträge vermittelt, auf weiteren 68 Hektar wurde der Boden pfluglos bearbeitet. In einem Bauerngarten fanden auf einer kleinen Fläche populationsunterstützende Maßnahmen statt. Eine kleine Steigerung gab es bei unentgeltlich durchgeführten Maßnahmen.
  • 2011 konnte insbesondere der verspätete Stoppelumbruch auf den Flächen, insgesamt auf mehr als 650 Hektar, organisiert werden.
  • 2012 machten schon acht Landwirte mit, auf 20 Hektar leisteten sie Hamsterschutz unentgeltlich. Erstmals gab es eine kleine Blühfläche. Die Flächengröße hamsterfreundlicher Maßnahmen ähnelte dem Jahr zuvor.
  • 2013 war die Größe der Fläche mit hamsterfreundlichen Maßnahmen ähnlich umfangreich wie in den beiden vorangegangenen Jahren, jedoch hielt sich die Summe der entgeltlichen und unentgeltlichen Maßnahmen etwa die Waage. Erstmals kamen fast zehn Hektar Blüh- und Bracheflächen hinzu.
  • 2014 überstieg die Fläche der von den Landwirten durchgeführten unentgeltlichen freiwilligen Maßnahmen sogar die Fläche mit abgeschlossenen Verträgen. Auf 78 Hektar wurden zum Beispiel durch zwei Betriebe mehrere Maßnahmen auf derselben Fläche in Folge umgesetzt – nach verspätetem Stoppelumbruch folgte der Anbau von Zwischenfrüchten.
  • 2015–2017 Im Jahr 2015 beteiligten sich bereits 10 Betriebe, mit ähnlichen Schutzmaßnahmen wie im Jahr zuvor. Bis 2016 nahmen die Maßnahmenflächen und die auf ihnen vermittelten Maßnahmen bis auf wenige Ausnahmen ständig zu und erhöhten sich erstmals auf mehr als 900 Hektar. Den größten Anteil nahm der verspätete Stoppelumbruch ein. Auf weiteren knapp zwölf Hektar gab es Blühstreifen. 15 Landwirtschaftsbetriebe beteiligten sich, fünf mehr als im Jahr zuvor. 2017 setzten nur 13 landwirtschaftliche Betriebe auf rund 700 Hektar Maßnahmen zum Schutz des Feldhamsters bei der Bewirtschaftung ihrer Flächen um. Der leichte Rückgang im Vergleich zum Vorjahr hängt mit verschiedenen Betriebsstrukturen zusammen. Nicht bei jedem Landwirtschaftsbetrieb sind in jedem Jahr Maßnahmen im Projektgebiet möglich. 
  • 2018 wurde erstmals auf knapp 3 Hektar Luzerne, eine mehrjährige Futterkultur mit guten Deckungsmöglichkeiten, angebaut. Auch die Zahl der teilnehmenden Betriebe erhöhte sich wieder auf 15. Verschiedene Maßnahmen wurde erstmalig über Dienstleistungsvereinbarungen mit der unteren Naturschutzbehörde finanziert.
  • 2019 kam ein weiterer Betrieb hinzu. Auf 19 Hektar blieben Getreidestreifen bis Ende September für den Hamster stehen. Der Anbau von Luzerne wurde auf 4,5 Hektar erweitert. In Blühstreifen und Brachen auf 67 Hektar konnten Hamster Schutz und zusätzliche Nahrungsreserven finden.
  • 2020 war das bisher erfolgreichste Jahr bei der Umsetzung von Maßnahmen seit Beginn 2008, jedoch das schlechteste Jahr für den Hamsterbestand. 17 Landwirtschaftsbetriebe machten mit. Vertragsgebundene Maßnahmen auf mehr als 850 Hektar. unentgeltliche Maßnahmen auf weiteren 260 Hektar, Luzerneanbau und Blühstreifen ermöglichten, dass mehr als 1.100 Hektar, etwa 20 Prozent der potenziellen Hamstervorkommensflächen, hamsterfreundlich bewirtschaftet werden konnten. Die Fläche der Blühstreifen verdoppelte sich im Vergleich zum Jahr 2019. In einer Mischung aus Kultur- und Wildarten sorgten auf 111 Hektar u. a. die anerkannte Saatmischung Lebensraum I® der Firma SaatenZeller und eine weitere, die Göttinger Mischung, mit Blütenreichtum für eine ganzjährige Deckung sowie ein zusätzliches  Nahrungsangebot. Zumeist wurde Getreide beigemischt. Die hohe Artenvielfalt – 25 bis 30 Arten wie Wiesen-Kerbel, Moschus-Malve, Wilde Karde, Sonnenblume, Schafgarbe, Königskerze, Fenchel und viele mehr – birgt eine weitere Chance für artenreichen Lebensraum und für die Fauna in der im Hamstergebiet strukturarmen Kulturlandschaft. Zumindest teilweise vermögen die Saatmischungen das Fehlen der Hecken in der Agrarlandschaft auszugleichen, denn ihre Funktion als Heckenersatzstruktur ist anerkannt.